midi legal

 

Diesen Text gibt es für eilige Zeitgenossen auch in einer Kurzfassung.

Was darf ich auf meiner Homepage kostenlos – oder gegen Gebühr – anbieten?

Alles, was meine eigene geistige Leistung darstellt, bzw. explizit seitens des Urhebers als Public Domain oder Freeware definiert ist. „Fundstücke“ von anderen Sites sind und bleiben natürlich Rechtseigentum des Erstellers, selbst wenn sie innerhalb des Netzes von Seite zu Seite geklaut wurden. Dies betrifft u.a. Grafiken, Fonts und – das ist unser Thema – MIDI-Files.

Ich habe ein paar MIDI-Files selbst eingespielt, erworben, geschenkt bekommen, im Netz gefunden oder sonstwoher, und möchte diese jetzt als Repräsentation meines Geschmacks und meiner Wichtigkeit der Netzgemeinde zugänglich machen. Wer sollte etwas dagegen haben (und wie könnte man sich arrangieren)?

Da mehr als 90% der im Internet kursierenden MIDI-Files Adaptionen von verlegten Musikwerken sind, haben als erstes die Verlage als Rechtsinhaber ein Wörtchen mitzureden. Seriöse MIDI-File-Anbieter sind Vertragspartner der GEMA in Deutschland, der SUISA in der Schweiz, der Harry Fox Agency in den Staaten etc. Entsprechend dieser Verträge werden Online-Gebühren berechnet, die, so sollte es sein, den jeweiligen Verlagen, Komponisten und Textern zugute kommen.

Besagte Verträge müssen vorher abgeschlossen werden und sehen, z.B. in Deutschland, eine Mindestvergütung von 0,0511 € pro heruntergeladenem MIDI-File pro angefangene 3 Minuten als kleinste zu zahlende Einheit vor. Bei kommerzieller Verbreitung werden ca. 10% des Verkaufspreis für jedes verkaufte MIDI-File fällig.

Beispiel: Ich biete 100 2,5 Minuten lange MIDI-Files (Fremdkompositionen, aber selbst eingespielt) kostenlos (daher Mindestvergütung) auf meiner Site an, die jeweils 1000 mal heruntergeladen wurden. Die Gebühr an die GEMA beträgt dabei 100 * 1000 * 0,0511 € = 5110,- €.

Erneute Downloads – erneute Rechnung.

Daher wird Musik im Allgemeinen eher selten oder nur zu Demozwecken verschenkt (Das, was wir im Radio hören, bezahlen wir mit unserer Werbeaufmerksamkeit). Ausnahmen bilden Musikwerke von Komponisten, die vor mehr als 70 Jahren das Zeitliche gesegnet haben.

Beispiel: Der populäre Bolero von Maurice Ravel ist bis zum Jahr 2007 noch urheberrechtlich geschützt, da der französische Impressionist am 28. Dezember 1937 verstarb. Die Trois Gymnopédies von Eric Satie(1866-1925) sind seit 1995 Gemeineigentum, was sich just zu dieser Zeit eine bekannte südwestdeutsche Versicherung in ihren TV-Ads zunutze machte.

Soweit die Rechtsverletzung, sollte es sich um ein selbst eingespieltes MIDI-File handeln. Ab einer gewissen Qualität des MIDI-Files kann man davon ausgehen, dass es sich um das Leistungseigentum eines professionellen Herstellers handelt, der zur Erstellung nicht nur den Musiker/Programmierer bezahlt, sondern auch die Rechts-Gebühren, Steuern, Sozialabgaben, die Vertriebslogistik usw. finanziert hat – kurz: einen Riesen-Apparat am laufen hat, von dem u.a. auch der eine oder andere Arbeitsplatz und nicht zuletzt zukünftige MIDI-Files abhängen.

O.k., aber warum sollte mich das eigentlich interessieren?

Das Internet ist keine rechtsfreie Zone, wie es so oft schöngemalt wird, sondern ein öffentlicher Bereich, in dem die Rechte und Gesetze aller 200 Staaten dieser Welt verbindlich sind. Im eigenen Land gestaltet sich die Strafverfolgung mittlerweile recht unkompliziert, in anderen Ländern verlässt man sich auf seine Partner. In Frankreich und England gibt es beispielsweise Gesellschaften, die weltweit schon hunderte von Servern vom Netz abgetrennt haben – natürlich zu Kosten des Verursachers.

Um jedoch nicht zu sehr in Drohgebärden zu verfallen, soll hier an das eigene Rechtsempfinden appelliert sein: Obwohl es den meisten von uns glücklicherweise klar ist, dass man seine Lebensmitteleinkäufe nicht mit dem Niederschlagen der Kassiererin begleichen kann, gilt Software-Piraterie offensichtlich immer noch als edler Sport. Wir haben alle Respekt vor Robin Hood, den sardischen Banditen oder dem sozialen Ungehorsam von Cpt. Picard im neuen StarTrek-Movie. Diese Leute standen im ultimativen Konflikt, haben etwas riskiert und hatten hohe Ziele. Wer jedoch immer dann seine soziale Loyalität neu definiert, wenn eine Straftat vermeintlich anonym und gefahrlos begangen werden kann, ist kein Desperado sondern einfach nur kriminell.

Mea culpa – ich habe, ohne mir der rechtlichen Konsequenzen bewusst zu sein, auf meiner privaten Homepage ein MIDI-File embedded (neudeutsch für eingebunden). Muss ich mir jetzt ein neues lateinamerikanisches Heimatland, das möglichst kein Auslieferungsabkommen mit der Bundesrepublik hat, suchen?

Obwohl auch das schon nach den Buchstaben des Gesetzes eine Rechtsverletzung darstellt und entsprechend verfolgt werden kann – Unwissenheit schützt bekanntlich nicht vor Strafe, wird in der Praxis doch graduell nach den Gesichtspunkten des verursachten Schadens und der wirtschaftlichen Motivation unterschieden. In diesem Fall gäbe es einen freundlichen Hinweis. Sollte dieser jedoch beharrlich ignoriert werden, werden zivil- wie strafrechtliche Schritte folgen. Ausserdem ist in so einem Fall der Provider verpflichtet, auf Verlangen des Geschädigten die illegale Homepage unerreichbar zu machen, wodurch natürlich Kosten entstehen, wenn nicht sogar eine Konventionalstrafe vertraglich vereinbart wurde.

Wer allerdings MIDI-Files en gros zum kostenlosen Herunterladen anbietet, sei es aus missverstandener Nächstenliebe oder um seine Site für Werbekunden attraktiv zu machen, wird auf jeden Fall den entstandenen Schaden verantworten müssen. Da hilft dann auch spontanes Stilllegen des Angebots nichts mehr.

Den Naivitätsbonus vollends verspielt hat, wer fremde MIDI-Files verkauft. Dieses Verhalten ist in höchstem Maße als kriminell einzustufen und wird entsprechend unnachgiebig verfolgt und geahndet.